Gast-Rezension | Lispector, Clarice: Der Lüster

der_luesterLeider bin ich im Moment zu müde, um anspruchsvolle Literatur, wie die von Clarice Lispector beispielsweise, zu lesen. Daher bin ich sehr froh und stolz, eine Leserin und Rezensentin in meiner Schwester gefunden zu haben, die einen Bericht über das Buch liefert, der an sich schon wie Literatur klingt. Ich kriege auf jeden Fall Lust, diesen scheinbar großartigen Roman zu lesen, auch wenn ich dafür wahrscheinlich Monate brauchen werde. Hier die wundervolle Beschreibung meiner Schwester: 

Wo soll man beginnen bei einem Roman dieser Wucht und Stärke? Der Lüster ist ein Text, der einen sofort mitnimmt auf eine Reise in die innere Welt von Virgínia, das Mädchen, das auf dem Landsitz ihrer Großeltern aufwächst. Ihre Kindheit wirkt erst unbeschwert, sie spielt mit ihrem Bruder, Daniel, eigenartige Kinderspiele und gründet eine mysteriöse „Gesellschaft der Schatten“. Diese Schatten weichen beim Lesen nicht, man spürt sie förmlich auch im Erleben von Virgínia. Zum Beispiel wenn sie mit Daniel spricht, oder sich von ihm als „dumme Kuh“ bezeichnen lässt und dennoch zu ihm aufschaut, seine Bestätigung sucht und braucht. Ab und an fällt Virgínia in eine Ohnmacht, die sie vom Geschehen in ihrer kleinen Welt befreit, Momente absoluter Stille, nichts bewegt sich in ihr. Sie merkt sie kommen, wie sie sich langsam um ihre Füße schlängelt, wie eine Schlange und dann, ganz langsam aber sicher zuschnappt. Diese Momente der Ohnmacht bedeuten keine erholende Pause beim Lesen. Vielmehr nehmen sie einen mit in den Sog der wortgewaltigen Lispector, deren Leben wohl die ein oder andere Passage dieses Romans geprägt hat. Das junge Mädchen Virgínia wird zur Frau, geht in die Stadt und führt ein regelmäßiges Leben, nach außen hin wirkt sie ausgeglichen, ruhig, schön. Ihr Innenleben aber ist dunkel, turbulent und voller Fragen, auf deren Antworten man kommen könnte, wäre man etwa Franz Kafka. Die Gedanken von Virgínia bohren sich in den eigenen Kopf, ein stream of consciousness, der nicht loslassen will. Auch nicht oder gerade nicht, als die erwachsene Virgínia einen Schock erlebt, der ihr komplettes Leben drehen wird. Der dunklen Dramatik dieses Textes kann man sich nur schwer entziehen und manchmal wäre es nicht schlecht, man könnte es wie die Glühwürmchen machen, über die Virgínia mit Daniel sinniert: „(…) Ohne dass jemand weiß, wie man ist, ob man jetzt auftaucht oder verschwindet, ohne dass es jemand errät, aber glaubst du, wir leben dabei nicht? Doch, tun wir, mit einer Geschichte und allem Drum und Dran, wie Glühwürmchen auch.“ Doch, das wäre schön und gut, vor allem beim Lesen dieses Buches.

Buchinfos

Autorin: Clarice Lispector
Titel: Der Lüster
Verlag: btb
erschienen: 11.04.2016
ISBN: 978-3-442-74905-8
Seitenanzahl: 368 Seiten
Genre: Roman
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